Proteinaufnahme bei Säuglingen: Wie frühe Ernährung das Risiko für Übergewicht beeinflusst
Vom Mangel zur Überernährung – ein globaler Wandel
In den letzten Jahrzehnten hat sich die globale Ernährungssituation grundlegend verändert: Während Untergewicht lange im Fokus stand, ist heute Übergewicht zum dominierenden Gesundheitsproblem geworden. Die Prävalenz kindlicher Adipositas hat weltweit stark zugenommen und übersteigt inzwischen die von Untergewicht.
Parallel zeigt sich, dass frühe Lebensphasen – insbesondere die ersten zwei Lebensjahre – eine entscheidende Rolle für spätere Gesundheitsrisiken spielen.
Eine rapide Gewichtszunahme im Säuglingsalter ist dabei ein zentraler Risikofaktor: Kinder mit schneller Gewichtszunahme in den ersten 12-24 Monaten haben ein nahezu doppelt so hohes Risiko für spätere Adipositas.
Einordnung: Frühkindliche Ernährung ist damit ein entscheidender Hebel für Adipositasprävention.
Frühe metabolische Programmierung: Warum die ersten Lebensjahre entscheidend sind
Das Konzept der „Developmental Origins of Health and Disease“ (DOHaD) beschreibt, dass Umweltfaktoren – insbesondere Ernährung – bereits früh im Leben langfristige gesundheitliche Effekte programmieren.
Sowohl Unterversorgung als auch Überversorgung in dieser Phase beeinflussen langfristig:
- Body-Mass-Index und Fettmasse
- Risiko für metabolische Erkrankungen
- kardiovaskuläre Gesundheit
Vor allem schnelle Gewichtszunahme geht dabei mit erhöhter Fettakkumulation einher und fördert langfristig Insulinresistenz und metabolische Erkrankungen.
Die Early Protein Hypothesis – zentrales Konzept zur Erklärung
Ein zentraler Mechanismus, der diese Zusammenhänge erklärt, ist die sogenannte „Early Protein Hypothesis“.
Eine zu hohe Proteinzufuhr (vor allem Milchproteine) im frühen Leben führt zu:
- erhöhter Insulin- und IGF‑1‑Sekretion
- verstärkter Zellproliferation und Fettakkumulation
beschleunigter Gewichtszunahme
→ langfristig erhöhtes Adipositasrisiko
Biologischer Mechanismus:
- Ausschüttung von Wachstumshormonen (Insulin, IGF-1), Aktivierung von anabolen Signalwegen und epigenetische Veränderungen (z.B. Methylierung des FTO-Gens→ langfristige „Programmierung“ des Fettstoffwechsels).
- Dies begünstigt Insulinresitenz und die vermehrte Bildung von Fettzellen was wiederum das Risiko für Übergewicht kurz und langfristig beeinflusst.
- Eine Gruppe von Aminosäuren, darunter Leucin, Isoleucin, Valin, Lysin, Arginin, Threonin, Phenylalanin und Alanin, wurde mit einem raschen Anstieg der Insulinsekretion in Verbindung gebracht, der zu einer Hyperinsulinämie führen kann, was langfristig das Risiko für die Entwicklung einer Insulinresistenz erhöhen könnte. Muttermilch enthält signifikant weniger insulinogene Aminosäuren als Kuhmilch.
Evidenz aus Studien: Einfluss von Protein auf Wachstum und BMI
Die EDEN- und ELFE-Kohorten zeigten:
- höhere Proteinaufnahme → höhere Gewicht-, Längen- und BMI‑Z‑Scores
- Effekte bereits ab dem 6. Lebensmonat sichtbar
Kinder mit hoher Proteinzufuhr (Cut off ist 2g/100kcal) hatten signifikant höhere BMI‑Werte als jene mit niedriger Proteinzufuhr. (ELFE-Studie)
Randomisierte Studien (CHOP-Studie)
- Niedrigprotein-Formula stoppt zu schnelle Geiwchtszunahme
- langfristig geringeres Adipositasrisiko
- Risiko für Adipositas bei Hochproteinernährung bis zu 2–3-fach erhöht

Eigene Darstellung nach Weber et al. 2014: Niedrigerer Proteingehalt in Säuglingsnahrung war im Alter von 6 Jahren mit niedrigerem BMI und geringerem Adipositasrisiko verbunden.
Langzeitbeobachtung
Hohe Proteinaufnahme in der frühen Kindheit ist mit höherem BMI und Fettmasse im Schulalter verbunden
Fazit: Es besteht eine konsistente Evidenz für den Zusammenhang zwischen früher Proteinaufnahme aus Säuglingsmilchen und späterem Adipositasrisiko.
Häufige Fehler
Wahl der falschen Formula
Merkmale einer geeigneten Formula:
- Proteingehalt unter 2g /100kcal
- Aminosäurespektrum ähnlich dem der Muttermilch
Falsche Zubereitung von Formula
Überdosierung von Pulver (nicht korrekt abgestrichener Messlöffel)
Eine Studie zeigte: 78% der Erwachsenen fügen bei der Zubereitung von Säuglingsmilch mehr Pulver hinzu als vorgeschrieben. Das führt zu erhöhter Energie- und Proteinzufuhr.
Anleitung zur korrekten Zubereitung
Auf unserer Elternwebsite zeigen kurze Videos Schritt für Schritt, worauf Familien bei der Zubereitung achten sollten.
Übertragung in die Praxis
Stillen fördern und unterstützen
Stillen wirkt in mehreren Dimensionen protektiv:
- niedrigere Gewichtszunahme im ersten Lebensjahr
- reduzierte Adipositasprävalenz (OR ~0,76 in Metaanalysen)
- langfristig geringeres Risiko für metabolische Erkrankungen
Falls nicht gestillt wird, Formulanahrung mit niedrigerem Proteingehalt bevorzugen. Idealerweise eine Formula mit einer Aminosäurenzusammensetzung ähnlich zur Muttermilch.

Praktische Tipps für Fachpersonen:
- Eltern in der korrekten Fläschchen-Zubereitung schulen
- Wachstumskurven aktiv überwachen (z‑Score‑Verläufe)
- Sättigungssignale des Kindes berücksichtigen
- proteinreiche Ernährung (über den Bedarf hinaus) auch im Beikostalter kritisch hinterfragen
Fazit
Die frühe Ernährung ist ein zentraler Faktor für die langfristige Gesundheit.
Die Evidenz zeigt konsistent:
- hohe Proteinzufuhr → beschleunigtes Wachstum → erhöhtes Adipositasrisiko
- Effekte werden durch hormonelle und epigenetische Mechanismen vermittelt
- Stillen bietet einen natürlichen Schutz
Die gezielte Steuerung der Proteinaufnahme in den ersten Lebensjahren stellt daher einen wirksamen Hebel zur Prävention von Übergewicht dar.
Literatur
Altazan AD et al. Pediatric Obesity. 2019;e12564.
Druet C et al. Paediatric and Perinatal Epidemiology 2012;26,:19–26
Koletzko et al.Adv Exp Med Biol 2005; 569: 69-79
Koletzko et al. Am J Clin Nutr 2009; 2 Weber et al Am J Clin Nutr 2014
Mihrshahi S et al. BMC Pediatr. 2011;11: 99 Nettleton et al Ann Nutr Metab 2014
Trabulsi et al. Eur J Clin Nutr 2011; 65(2): 167-74
Wenn Ihnen dieser Beitrag gefallen hat, könnten Sie auch interessiert sein an